Mag. Hubert Patterer

Hubert PattererMag. Hubert Patterer hat den Journalismus von der Pike auf gelernt und kennt die Zeitungslandschaft wie kein zweiter. Im Zeitalter der Digitalisierung dem gedruckten Wort Tag für Tag zum Durchbruch zu verhelfen, geht nur mit Leidenschaft. Nicht zuletzt dafür wurde er erst vor wenigen Wochen als „Chefredakteur des Jahres“ ausgezeichnet.

„Macht langweilt mich!“

In einem Artikel des österreichischen „Journalisten“ aus Anlass der Preisverleihung an den Journalisten des Jahres wirst du als „empathisch autistisch“ beschrieben. Wie siehst du diese Einschätzung?

Als Chefredakteur muss man diese Selbstbezogenheit haben. Man muss wissen: Ich habe meine Zeitung im Kopf, die Art der Zeitung, die ich machen will oder wie ich glaube, dass sie gebaut sein muss, um in Zeiten des Wandels und der Umbrüche zu bestehen. Ob es gleich autistisch ist, so vorzugehen, sei dahingestellt. Ich jedenfalls hoffe, dass es nicht so ist.

Du bist ein anderer ein Typ als dein Vorgänger, vom ganzen Habitus her. Und trotzdem musst du die Dinge nach unten bringen, wie hast du das geschafft?

Ich sehe es als Grundvoraussetzung, dass man selber eine Leidenschaft dafür hat, was man tut und daher begeisterungsfähig ist. Diese Begeisterungsfähigkeit auf die Mitarbeiter zu übertragen, ist mein Führungsprinzip. Damit überfordere ich meine Leute bisweilen. Dann stutzen sie mich ein bisschen zurück, wenn ich eine imaginäre Sperrlinie überschreite. Aber ohne eine gewisse Begeisterungsfähigkeit ist unser Beruf sinnlos.

Eine Machtposition zu erreichen und auf dem Chefsessel Platz zu nehmen, ist das Eine. Was muss dazu kommen, um so viel Akzeptanz vorzufinden, dass man ins Umsetzen und Gestalten kommt?

Als Machtmensch habe ich mich nie empfunden. Macht langweilt mich, ist überhaupt keine Triebfeder. Zur Gestaltungsmacht kann ich ja sagen. Ich habe gerne die Gestaltungsmacht, darüber zu entscheiden, womit wir morgen aufmachen, was das Thema des „Leitartikels“ ist und was das „Thema des Tages“. Diese Leitplanken täglich einzuschlagen, das ist der schöpferische Teil meiner Macht im Sinne von Verantwortung. Aber Machterhalt oder machiavellistische Spielchen, das sind Kategorien, die mich weder antreiben noch interessieren.

Auch Journalisten bewegen sich in der Medienlandschaft nicht nur als schreiberisch Berichtende sondern auch als solche, über die berichtet wird. Wie geht man damit um? Bist du als Chefredakteur da besonders exponiert?

Ja natürlich steht man in der Lichtung. Das ist man anfangs nicht gewohnt, weil man vor allem in jüngeren Jahren in der Position des distanzierten Beobachters mit Abstand auf die Dinge schaut und sie analytisch wiedergibt. Die Funktion bringt es  mit sich, dass man in gewisser Weise eine öffentliche Person ist, als „Außenminister“ einer Zeitung und auch so wahrgenommen wird. Da muss man sich eine gewisse Robustheit zulegen. Das ist nicht immer einfach aber sehr lehrreich. Ich verwende jeden Tag sicher drei oder vier Stunden mit Korrespondenz, weil ich dabei die Schwingungen mitkriege, die für die tägliche Arbeit ganz wesentlich sind.

Besteht nicht die Gefahr, in der Politik mehr als im Journalismus, dass du wenig oder kein realistisches Feedback erhältst? Auch noch so kritische Mitarbeiter werden dir als Chefredakteur nicht jeden Tag ungebeten sagen, was du alles falsch gemacht hast.

Mir ist es schon wichtig, dass ich Leute um mich habe, die zum einen loyal sind, die aber auch zum Widerspruch fähig sind. Ich kenne Beispiele von Führungskräften, die für ihre nähere Umgebung nur Leute ausgewählt haben, die bedingungslos gefügig sind. Wenn dann überhaupt kein Widerhaken mehr da ist, dann kann es bald bergab gehen.

Wenn man im Internet nach Informationen zu deiner Person sucht, stößt man recht bald auf ein starkes Interesse für andere Menschen. Der Antrieb, spannende Leute vors Mikrophon zu bringen, zeichnet dich schon sehr früh aus. Da gibt es ja die Geschichte, wo du in Lienz dem Alberto Tomba hinterher warst.

Damals war ich unterwegs mit einem Sportreporter. Der meinte: Es ist sinnlos in der Nacht in Lienz nach Alberto Tomba zu suchen, wenn der am nächsten Tag einen Slalom bestreiten muss. Ich habe nicht nachgegeben. Weil in einem Gasthaus noch Licht gebrannt hat, bin ich rein und hab dort den Tomba mit seinem Südtiroler Trainer entdeckt. Da hat mir der Slalomstar um Mitternacht ein Interview gegeben. Das war eine meiner schönsten ersten Trophäen. Tomba ist am nächsten Tag allerdings „nur“ Zweiter geworden, obwohl er als Top-Favorit an den Start gegangen ist.

In deinem Lebenslauf ist mir aufgefallen, dass du in ein und demselben Leben Kulturchef, Lokalchef und Sportchef warst. Das ist doch eher selten, auch wenn der Journalistenberuf sehr vielfältig ist. Braucht es an der Spitze einer Zeitung so ein Allroundertum?

Ich habe mich selber als Universaldilletant bezeichnet. Als Reinhold Dottolo als Chefredakteur nach Kärnten gekommen ist, wollte er im Sportressort einen neuen Weg beschreiten. Er hat zu mir gesagt: „Versuche die Sportberichterstattung neu zu vermessen.“ So hat es begonnen. Als Kulturchef Dr. Leiler überraschend verstorben ist, hat man mich gebeten, in das Kultur-Ressort zu wechseln. Damals habe ich eine einzige Affinität zur Kultur aufweisen können, mein Germanistik-Studium. Andere Bereiche habe ich mir erst erarbeiten müssen. Das war eine tolle Erfahrung, die mir als Chefredakteur immer noch nützt.

Bitte zieh’ zum Abschluss ein kurzes Resümee über dieses Gespräch!

Ich bin dir sehr dankbar dafür, weil es mich gezwungen hat, ein bisschen über mich selber nachzudenken und zu analysieren, wie man funktioniert. Im täglichen Geschäft, wenn man im Maschinenraum drinnen steckt, macht man das ja nicht. Diesen Anstoß an kritische Nachdenklichkeit habe ich als sehr angenehm empfunden.

Danke für das Gespräch.